Abschlüsse

Die Waldorfpädagogik orientiert sich an der Entwicklung des Menschen und den sich daraus ergebenden Erfordernissen und Bedürfnissen. Die Waldorf-Schulzeit beträgt üblicherweise 12 Jahre. Sie wird mit einer individuellen Jahresarbeit, dem gemeinschaftlichen Klassenspiel, einer Kunstreise sowie Einzel- und Gruppendarbietungen in Eurythmie abgeschlossen.

In Schleswig-Holstein gibt es besondere Prüfungsordnungen für die Waldorfschulen, die für den Ersten allgemeinbildenden Schulabschluss(ESA), den Mittleren Schulabschluss (MSA) und das Abitur die Prü­fungsverfahren regeln. Die ESA- und MSA-Prüfungen werden unter dem Vorsitz des Schulrates und das Abitur unter dem Vorsitz eines benachbarten staatlichen Gymnasiums durchgeführt.

Waldorfabschluss

Charakteristika und Besonderheiten der Waldorfschuleigenen Prüfungen (meist Waldorfabschluss genannt)

In Waldorfschulen können die Schüler ihre Lernerfolge und ihr Können auf vielfältige Weise unter Beweis stellen. Im weitesten Sinne sind dies Prüfungen, die sich unmittelbar aus dem pädagogischen Zusammenhang ergeben und dadurch eine sinnvolle Bewertung und Beurteilung ermöglichen. Die vielfältigen Leistungsnachweise gehen in die jährlichen Text-Zeugnisse und in das Abschlusszeugnis ein, das jeder Waldorfschüler am Ende der zwölfjährigen Waldorfschulzeit bekommt. Einen allgemein anerkannten, eigenen Waldorfabschluss gibt es bisher noch nicht.

Allerdings haben viele Waldorfschulen ihren eigenen Waldorfabschluss zum Ende der 12. Klasse entwickelt und mit Erfolg erprobt. Dabei haben sich als wesentliche Elemente herauskristallisiert:

  • das selbst inszenierte Klassenspiel in Klasse 11 oder 12
  • die Jahresarbeit
  • der Künstlerische Abschluss (Eurythmie, Musik, bildende Künste)
  • die Kunstreise in der 12. Klasse

Da jede Waldorfschule ihren Abschluss selbstverantwortlich vergibt, variieren die Bedingungen und Zeitpunkte, an denen die entsprechende Leistung erbracht werden muss. Für alle gilt aber:

Als Klassenspiel wird ein abendfüllendes Theaterstück aufgeführt, bei dem der Schüler sowohl eine Einzelleistung als auch seine Zusammenarbeit in der Gruppe zeigen soll.

In der Jahresarbeit fertigt der Schüler eine Individualleistung an: Er wählt sich in Absprache mit einem Lehrer ein Thema und bearbeitet es innerhalb eines Jahres. Die Präsentation der Ergebnisse der Jahresarbeit findet in der Regel vor der Schulgemeinschaft statt. Die Jahresarbeit an einer Waldorfschule ist vergleichbar mit einer besonderen Lernleistung an einer staatlichen Schule und kann je nach Prüfungsordnungen des Bundeslandes auch von Waldorfschülernin die staatliche Prüfung eingebracht werden.

Für den Künstlerischen Abschluss wird ein Eurythmie- oder Musikprogramm einstudiert, in dem der Schüler – in der Gruppe oder einzeln – sein Können in dem jeweiligen künstlerischen Fach bei einer Präsentation zeigt. Wie beim Klassenspiel sind nicht nur Leistungen auf, sondern auch hinter (Kostüme, Kulissen) und neben (Werbung, Programmheft) der Bühne gemeint.

Alle Leistungen werden jeweils in Gutachten bescheinigt.

Ein allgemein gültiger, für alle Waldorfschulen anerkennungsfähiger Waldorfabschluss muss eine Reihe von Grundbedingungen erfüllen. Den Schülern soll sowohl im kognitiven als auch im künstlerischen Bereich Gelegenheit gegeben werden, ihre Leistungsfähigkeit einzeln und in der Gruppe zu zeigen. Dabei sollen alle Unterrichtsfächer und Projekte sowie die waldorfpädagogischen Besonderheiten einbezogen werden.

Zeitlicher Ablauf

In der Mitte des 10. Schuljahres trifft sich die Klassenkonferenz, um jeden einzelnen Schüler im Hinblick auf die aktuelle Arbeitshaltung und den gegenwärtigen Leistungsstand zu betrachten. Im Anschluss finden Einzelgespräche mit den Schülern statt.

In der Mitte des 11. Schuljahres werden in einer Klassenkonferenz Abschlussempfehlungen besprochen und den Schülern wiederum in Einzelgesprächen und den Erziehungsberechtigten schriftlich mitgeteilt. Am Ende der 11. Klasse werden in einer Klassenkonferenz die Abschlussempfehlungen aktualisiert und ggf. Änderungen schriftlich mitgeteilt. Außerdem erhalten die Schüler ein Bewerbungszeugnis auf MSA-Basis. Auf dieser Grundlage finden die Gruppeneinteilungen in den Fächern Deutsch, Mathematik und den Fremdsprachen für das 12. Schuljahr statt. Um in die Abiturvorbereitungsgruppe aufgenommen zu werden, gelten als Mindestbedingung ein Notendurchschnitt von 3,0 oder besser im Bewerbungszeugnis und die Teilnahme am Französischunterricht der 11. Klasse. Darüber hinaus wird eine Empfehlung zur Teilnahme an der Abiturvorbereitung vom Klassenkollegium nur dann ausgesprochen, wenn ein Bestehen des Abiturs zu erwarten ist.

Die Abschlussempfehlungen werden während des laufenden 12. Schuljahrs überprüft, eventuelle Änderungen umgehend mitgeteilt.

Beim Abschlussziel Abitur kann in Einzelfällen auf Konferenzbeschluss die MSA-Prüfung zur Absicherung durchlaufen werden. Der dadurch versäumte Unterrichtsstoff der Abiturvorbereitung muss in diesem Fall selbständig nachgearbeitet werden.

ESA und MSA

Der ESA und der MSA werden im Allgemeinen am Ende der Waldorfschulzeit, also im 12. Schuljahr erworben. Die Prüfungsabläufe sind nahezu gleich. Es ist nicht möglich beide Prüfungen gleichzeitig zu durchlaufen. Schüler, deren MSA gefährdet erscheint, brauchen nicht unbedingt vorher den ESA zu erwerben, weil bei Nichtbestehen des MSA der ESA zuerkannt werden kann. In Ausnahmefällen kann aus biographischen Gründen der Erste allgemeinbildende Schulabschluss bereits in der 10. oder 11. Klasse vermittelt werden.

Zu Beginn des zweiten Halbjahres der 12. Klasse beantragen die Schüler zusammen mit den Erziehungsberechtigten beim Schulrat die Zulassung zur Prüfung, der darüber nach Lage der Zensuren entscheidet.

Zu den neun Fächern der Abschlussprüfung gehören: Deutsch, Englisch, Mathematik, zwei Fächer der Fächergruppe Physik, Chemie, Biologie, zwei Fächer der Fächergruppe Geschichte, Geographie, Wirtschaft/Politik und zwei Fächer der Fächergruppe Kunst, Musik, Textiles Werken, Technik, Sport. In den Fächern Deutsch, Mathematik und Englisch wird je eine Prüfungsarbeit von 135 Minuten Dauer geschrieben, deren Aufgaben zentral gestellt werden. Die schriftliche Englisch-Prüfung beinhaltet einen sprachpraktischen Teil. Jeder Schüler muss sich außerdem in mindestens einem der nicht schriftlich geprüften Fächer mündlich prüfen lassen. Ein Schüler kann in bis zu zwei Fächern mündlich geprüft werden, davon eines (MSA) bzw. beide (ESA) nach eigener Wahl. Zusätzlich kann auf Wunsch des Schülers oder durch Beschluss des Prüfungsausschusses in Deutsch oder Mathematik eine weitere mündliche Prüfung absolviert werden. Bei der Festlegung der Endnote werden Vornote und Prüfungsergebnis im Verhältnis zwei zu eins berücksichtigt. In den nicht geprüften Fächern sind die Vornoten die Endnoten. Es kommt daher der Unterrichtsarbeit im Laufe des 12. Schuljahres und in den einmalig gegebenen Epochen eine große Bedeutung für die Qualität des Abschlusszeugnisses zu.

Eine weitere obligatorische Prüfungsleistung ist die Präsentation einer Projektarbeit. Die Jahresarbeit (bzw. ein Auszug daraus) kann als solche anerkannt und dementsprechend benotet werden. Eine für den ESA angefertigte Projektarbeit kann für einen nachfolgenden MSA (bei Herabstufung um eine Note) angerechnet werden.

Das Prüfungsverfahren wird vom Schulrat geleitet, der auch bei den mündlichen Prüfungen anwesend ist.

Besteht ein Schüler die Prüfung wider Erwarten nicht, so endet dennoch seine Schulzeit an der Waldorfschule. Wegen der waldorfpädagogischen Zielsetzung und Inhalte kann das 12. Schuljahr zum alleinigen Zweck des ESA- oder MSA-Erwerbs nicht wiederholt werden. Eine Wiederholung der Prüfung zu einem späteren Zeitpunkt an einer anderen Einrichtung ist möglich.

Abitur

Die Waldorfschulzeit endet mit dem 12. Schuljahr. Das 13. Schuljahr ist allein auf die Vor­bereitung des Abiturs ausgerichtet. Fachliche Grundlagen, die in den Vorjahren erworben werden konnten, müssen vorausgesetzt werden. Schüler der Abiturvorbereitungsgruppe erhalten am Ende des 12. Schuljahres ein Zeugnis mit Noten auf gymnasialem Niveau. Um in die 13. Klasse aufgenommen zu werden, müssen die durchschnittlichen Leistungen sowohl in der Fächergruppe Deutsch, Englisch, Mathematik, Geschichte als auch in der Fächergruppe Französisch, Biologie, Philosophie, Musik mindestens 5 Notenpunkte (Note 4,0) betragen.

Schüler, welche die MSA-Prüfung abgelegt haben, können am Ende der 12. Klasse grundsätzlich eine Aufnahme in die 13. Klasse beantragen, wenn der Notendurchschnitt 3,0 oder besser beträgt, dabei die Leistungen in zwei der drei Kernfächer Deutsch, Englisch, Mathematik mindestens mit gut bewertet wurden und am Französischunterricht der 11. und 12. Klasse (bis auf die Endphase der MSA-Vorbereitung) teilgenommen wurde. Das Oberstufenkollegium entscheidet über den Antrag nach ausführlicher Beratung. Ein Recht auf Aufnahme besteht nicht. Es kann außerdem eine Probezeit vereinbart werden.

Das Kursangebot richtet sich nach den Möglichkeiten des Lehrerkollegiums und den Wün­schen der Schüler. Darüber hinaus fordert die Prüfungsordnung bestimmte Fächer und grenzt die möglichen Kombinationen ein, z.B. müssen Mathematik, eine Sprache und ein gesellschaftswissenschaftliches Fach schriftlich geprüft werden. Insgesamt werden acht Fächer geprüft. An unserer Schule sind dies zur Zeit Mathematik, Geschichte, Deutsch, Englisch, Französisch, Musik, Biologie und Philosophie. Drei der vier schriftlich zu prüfenden Fächer werden auf erhöhtem Niveau geprüft. Zwei der drei Fächer auf erhöhtem Niveau müssen Kernfächer sein, d.h. Deutsch, Mathematik oder eine Fremdsprache. In diesen werden die Aufgaben zentral gestellt, in den anderen schriftlich geprüften Fächern von der Lehrkraft. In zwei der vier mündlich zu prüfenden Fächer kann nach einer Unterrichtshospitation des begleitenden Gymnasiums die Jahresleistung in das Abiturzeugnis eingehen. In den anderen Fächern zählt allein das jeweilige Prüfungsergebnis.

Die Anmeldung zum Abitur erfolgt durch die Schüler zum Ende des ersten Halbjahres der 13. Klasse. Die Zulassung zur Abiturprüfung wird von der obersten Schulaufsichtsbehörde auf der Grundlage der Noten des ersten Halbjahres gewährt.

Bei einer nicht bestandenen Abiturprüfung kann unter bestimmten Voraussetzungen die Fachhochschulreife (schulischer Teil) zuerkannt werden. Eine Aufnahme in die 13. Klasse mit dem Ziel, die Fachhochschulreife zu erwerben, ist nicht möglich. Eine nicht bestandene Prüfung kann nach einem weiteren Schuljahr wiederholt werden. Auch nach der bestandenen FHR kann die 13. Klasse noch einmal durchlaufen werden, um die Abiturprüfung abzulegen.